Erzählung

DIE UNFASSBARE

Die Anstrengungen seines ersten Arbeitstages steckten dem frisch gebackenen Lehrling Johann noch in den Knochen. Als er aber den Hang nach Feldafing hinab laufen konnte, war er wieder voll von wilder Vorfreude. Irgendetwas hatte sich aber geändert. Da standen Soldaten um das Hotel, hier einer, auf der anderen Seite gleich drei.

Auf diesem Weg, wo er früher seinen einsamen Gang zur Schule verträumt genoss, blieb Johann irritiert stehen: „Wenn das die gleichen Uniformen sind, dann heißt das ja...“ Johann unterbrach seinen Gedanken.

Zwei oder drei Jahre musste es her gewesen sein, als er mit seinem Vater nach Starnberg fahren durfte. Am Schloss in Possenhofen kamen ihnen ein paar Berittene entgegen und der Vater sagte, als er den erstaunten Blick seinen Sohnes bemerkte, das seien österreichische Uniformen. „Das kann nur heißen, die Kaiserin ist da.“ Hatte der Vater in seinen Bart gebrummt und mit diesem Satz in Johann eine ganze Traumwelt wachgerufen, von großartigen Sälen und Tafeln die mit unendlich vielen Würsten und unendlich viel warmer Milch und noch mehr Honig gedeckt waren. Wenn er ein Prinz wäre, Johann hätte endlich einmal nicht nur eine

Kartoffelsuppe sondern auch eine Wurst in seine Kartoffelsuppe getan und auch die Milch wäre nicht in seiner kleinen Tasse, sondern ganz unbescheiden hätte er einen ganzen halben Liter Milch neben sich stehen.

„Was stehst denn da rum, schick Dich, Johann, wir warten schon alle. Wir wissen schon nimmer, wo uns der Kopf steht“. Johann rannte auf Fanny zu, eine dicke warmherzige Köchin, die dem Johann gestern etwas aus der Küche mit nachhause gab, obwohl der Herr Machtlinger, dieser gemeine Chefkoch es ausdrücklich verboten hatte. „...dann heißt das ja, die Kaiserin ist da.“

Johann kam recht atemlos am Dienstboteneingang an, rannte in die Küche und band sich seinen Schurz um. Die Fanny würde ihm gleich seine Arbeit zuteilen. In der von Dampf vernebelten Küche knallte der Machtlinger, einen großen Kupfertopf auf das Feuer, am Arbeitstisch stand Franz, der zweite Lehrling, ganz verheult und mit Schweiß auf der Stirn und schnitt Gemüse. Machtlinger schrie Anweisungen in alle Richtungen.

Johanns zweiter Arbeitstag schien anders zu werden als der erste, und anders als die meisten im ganzen künftigen Lehrjahr. Herr Machtlinger schien ihn gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, Fanny rannte auf ihn zu und kommandierte „Hühner rupfen, aber pressier dich, die Kaiserin ist da.“ Johann bekam zwei Hühner an deren blutverschmierter Gurgel und einen Korb in die Hand gedrückt. Johann stotterte ganz verwirrt. „Wieso, wieso ist denn die da, was bleibt denn die nicht in Possenhofen drüben?“

Und schon hatte er mit einem sauberen Knall alle fünf Finger des Machtlingers im Gesicht: „Wie redst denn Du von Ihrer Majestät, Du Lackel, hat Dir keiner einen Respekt beigebracht? Das kann ich schon ändern, Saubub greisliger. Und glaub ja nicht, dass Du eine Extrawurst bekommst. Schau dass Du an die Arbeit kommst, sonst schepperts gleich noch einmal.“

Also setzte sich Johann, versuchte die Tränen zu unterdrücken und fing an das erste Huhn zu rupfen. Er traute sich nicht einmal mehr sich die Finger zu waschen, er rupfte und rupfte. Nur ganz kurz lugte er zum Franz, und ahnte den Grund für dessen Tränen und die Fanny schuftete mit stampfen und umfüllen und rühren und Kräuter zupfen. Dazwischen las Sie von einem Zettel ab und ganz leise flüsterte sie „lauter Extrawünsche, lauter Extrawünsche, wie sollen wir nur fertig werden?“ Johann hätte gern etwas Aufmunterndes gesagt, aber die Anwesenheit der Kaiserin schien alles auf den Kopf gestellt zu haben. Die Kaiserin schuf sich Ehrfurcht. Ihretwegen hatte er schon rennen müssen, hatte jetzt blutverschmierte, dreckige Hände, hatte schon eine Watschen eingesteckt und jetzt heulte er auch noch auf das kaiserliche Suppenhuhn.

„Wie schaust denn aus?“ Die Fanny riss ihm alles aus den Händen. „Wasch Dich schnell und dann gehst schnell rüber zur Rezeption. Da steht ein Extrawachmann, den dürfen wir fragen, und den fragst dann, ob der Tee und diese Keksbrezerln oder was das werden soll, gleich bei ihrer Ankunft serviert werden soll, dann bleibt mir nämlich das Herz stehen oder erst zum Nachtisch. Dann kriegen wir das schon alles irgendwie hin.“

Johann sprang erleichtert auf, wusch sich, nahm sogar den Kamm, der auf dem Waschbrett lag und zog sich einen artigen, fettigen Schweißscheitel so gut es ging, rannte auf den Flur zur Rezeption und bremste sich in vollem Lauf. Im Hotelflur standen mehrere Soldaten, völlig regungslos und weil sie sich so gar nicht regten, beschleunigte Johann wieder und eilte, um leiseste Unauffälligkeit bemüht, den Flur entlang.

„Ihre Majestät“ schrie es von vorne, und Johann glaubte das Echo würde ihm von hinten in den Nacken klatschen. Ein zackiger Ruck durchfuhr alle Uniformierten, Johann erstarrte als habe er eine Haselnuss in die Luftröhre bekommen.

Ein Soldat hatte ihn mit starkem Griff am Kragen gepackt, ihn von der Flurmitte gehoben und ihn unsanft unter einen Türstock gestopft. Johann sackte auf dem Boden hinter den Lederstiefeln des Soldaten zusammen und kniff die Augen zu. „Aaaaaaachtung“ klang es militärisch durch den Flur, die Stiefel knallten zusammen und der ganze Soldat stand stramm. Zunächst war alles still. Dann waren Schritte von mehreren Personen zu hören, es rauschten Tonnen von Stoff den Flur entlang. Stillschweigend schritten und raschelten die kaiserlichen Personen näher und Johann wagte es nicht sich auszumalen, was Herr Machtlinger für ein Donnerwetter loslassen würde, weil Johann es gewagt hätte die Kaiserin zu erblicken. Was würde Johann selbst sagen, wenn Sie, diese Majestät ihn jetzt an die Tür gekauert und zitternd vorfinden würde?

Aber das Rauschen kam näher und zog vorüber, Johann machte die Augen auf und für die Zeit von drei oder vier eleganten Damenschritten sah er die Schleppen zweier schwarzer Kleider, glänzender Stoff mit Spitzen rändern, Fransen eines feinen Überwurfes und schon waren sie verschwunden.

Johann kam in die Küche. „Und was sagt er“ fragte Fanny. „Ich hab es gar nicht bis zur Rezeption geschafft, die, die Kaiserin ist gekommen.“ Fanny schlug die Hände vors Gesicht „Die Kaiserin, meine Güte Johann, und Du stehst mitten auf dem Flur? Die soll ja so schön sein, so unfassbar schön, und Du bist der Kaiserin begegnet.“

„Eine Hofdame war auch noch dabei“ vervollständigte Johann pflichtbewusst. Aber Fanny war außer sich: „Sie soll ja auch eine ganz unfassbar schöne Ausstrahlung haben.“

„Das stimmt doch auch ganz sicher, oder?“ grinste der Machtlinger neugierig und zeigte sein sonst unsichtbares, weiches Herz. „Ich mein, Du bist ja noch ganz kasig im Gesicht und zittrig. Setz Dich a bisserl hinters Haus und schnauf erst einmal durch. So eine Begegnung mit so einer alelrhöchsten Person, das muss man ja erst einmal apcken.“

„Du bist der Kaiserin begegnet, das ist doch ein ganz besonderer Tag in Deinem Leben.“ Fanny war überwältigt von Ehrfurcht.

Der Franz prophezeite: „Da wirst ein Leben lang dran denken.“

Fanny wandte sich langsam wieder ihrer Arbeit zu. „Unser Johann trifft die Kaiserin von Österreich. Unfassbar, die Kaiserin, ganz unfassbar, oder, ist sie doch?“

Und Johann nickte. „Ja, unfassbar, ganz unfassbar.“